Hanau ist überall – wir sind es auch! — Das war die Kundgebung vom 21. Februar

Hanau ist überall – wir sind es auch! Dem Aufruf der Lenkungsgruppe des Runden Tisches zu dieser Kundgebung vor dem Neumünsteraner Rathaus folgten am Freitag letzter Woche, den 21. Februar an diesem frühen Nachmittag immerhin etwa 200 Menschen. Hören wir herein in die Rede, die der Vorsitzende des Runden Tisches, Henning Möbius hielt und danach zwei Ausschnitte aus der etwas längeren Rede von Christof Ostheimer. Als Zeichen der Empörung über den rassistischen Anschlag von Hanau, bei dem zehn Menschen ermordet wurden, und als Zeichen mit der Verbundenheit mit den Opfern und ihren Familien und der Entschlossenheit, gegen die Täter und Schreibtischtäter, gegen Rassismus, Hass und faschistische Gewalt in jeder Form aufzustehen und sie zu bekämpfen, rief die Lenkungsgruppe des Runden Tisches für Toleranz und Demokratie der Stadt Neumünster seine über 30 Mitgliedsorganisationen und alle Menschen dieser Stadt auf, sich vor ihrem Rathaus zu versammeln. Sie riefen dazu auf zu trauern, zu gedenken, solidarisch zu sein und zu versichern und gemeinsam zu widerstehen, dem was da in Erfurt, in Halle und in Hanau sichtbar wurde und wird. Für das Freie Radio Neumünster war Ulrike Göking vor dem Rathaus und fragte Oberbürgermeister Tauras, wie dieser sich nach den Vorfällen in der Ratsversammlung am vergangenen Dienstag nun zukünftig gegenüber den Ratsmitgliedern der NPD verhalten will? Christof Ostheimer bezog sich in seiner Rede eben ebenfalls auf diesen unsäglichen NPD-Antrag, Neumünsteraner nach ihrer Abstammung zu erfassen (auch das Freie Radio Neumünster berichtete: Solide antifaschistische Rede von Ratsherr Joost).
Am Rande der Solidaritätskundgebung fragte Ulrike auch noch zwei Teilnehmerinnen aus der Jugendgruppe der islamischen Gemeinde Neumünster, welche Zeichen sie setzen wollen und wie sie sich gegen Alltagsrassismus zur Wehr setzen? Der starke Wind pustete hier leider direkt auf das Aufnahmegerät, die Antworten der Teens wollen wir Euch hier dennoch nicht vorenthalten.
Nehmen wir es also endlich zur Kenntnis und nehmen wir es endlich ernst, dass alle Menschen mit ersichtlichen oder angenommenen Migrationshintergrund in Deutschland nahezu täglich rassistische Anfeindungen erleben. Oder ermordet werden, wie in Hanau Ferhat, Gökhan, Hamza, Said Nessar, Mercedes, Sedat, Kaloyan, Fatih, Vili. Das sind die Namen der neun Menschen, die der Attentäter von Hanau aus Menschenfeindlichkeit getötet hat. Drei der Toten waren Deutsche, zwei Türken (Errata: keine Türken; anders als im Beitrag gesagt sind vier der Mordopfer Menschen mit kurdischen Hintergrund, zwei mit türkischen Pass, die in der Türkei verfolgt werden würden), einer war Bulgare, einer Rumäne, einer Bosnier-Herzegowiner und einer besaß die deutsche und afghanische Staatsangehörigkeit. Der jüngste 20 Jahre alt. Und alle waren nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Der Täter tötete ebenfalls seine eigene Mutter und dann sich selbst. Dass die geistigen Brand- und Anstifter von Rechtsaußen, die Gaulands und Höckes und Weidels sich nun damit herausreden vrsuchen, dass sie ja nichts mit dem Täter verbindet, weil der ja eine schwere psychotische Krankheit gehabt habe, das ist schon recht erbärmlich und entschuldigt nichts.
Aber es darf auch nicht vergessen werden, dass auch schon vor der Aufstieg der AFD gemordet wurde. Heute vor 16 Jahren, am 25. Februar 2004 erschoss die Nazi-Terrorgruppe NSU den jungen Türken Mehmet Turgut, nur eines von zehn Mordopfern des Nationalsozialistischen Untergrundes. Sollte damit schon die Saat gelegt worden sein, deren Ernte nun die AFD einfahren will? Das Attentat auf die Synagoge in Halle, die Morde in Hanau, um nur zwei Orte aus jüngster Zeit zu nennen aus einer Liste von Orten, an denen rechtes Ressentiment in Gewalt gipfelt, kann regelrecht endlos fortgeführt werden. Wenn wir von Gewalt sprechen, dann auch jene, die ohne Rücksicht auf Verluste ist und über Leichen geht. Seit ungefähr einem viertel Jahr erreicht uns eine Nachricht nach der anderen von Angriffen auf Räume, die von Menschen besucht werden, die nicht in das Idealbild des Neonazismus passen. Viele dieser Vorfälle geschehen auch unterhalb des Radars der öffentlichen Wahrnehmung und bilden damit einen Schattenbereich beinah täglicher Gewaltausbrüche vom rechten Rand. In Zeiten des rasanten Konsums von Informationen sind scheinbar erst elf Tote es wert, Schlagzeilen zu machen.


--

Support your local community radio! Mitarbeit beim Freien Radio mit Stimmrecht & Basis zum Mitsenden schafft eine Mitgliedschaft im Radioverein. Wer uns vor allem finanziell helfen will, kann einen Dauerauftrag einrichten oder wird Mitglied im Förderverein. Einmalige Spenden gegen eine Spendenquittung gehen auf das Vereinskonto (IBAN: DE19830654080004960963; BIC: GENODEF1SLR; VR-Bank Altenburger Land). Auch per Pay Pal. Danke!

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.