Deportationsforschung in Neumünster

Im Juni hatten wir vom Freien Radio einen Tweet der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gelesen und erfahren, dass da nach Erinnerungsberichten von Überlebenden der Deportation von Sinti und Roma ins Arbeitslager Belzec im Mai 1940 gesucht wurde.


Wir haben dann von der im Forschungsprojekt tätigen Historikerin Dr. Kristina Vagt erfahren, dass in den nächsten Jahren ein Dokumentationszentrum mit Dauerausstellung entstehen soll, in dem die Biografien der Opfer ganz wichtig sein werden. Ingo Schumann berichtet:

Glücklicherweise hatte ich im Herbst 2013 die Familie Laubinger aus Neumünster interviewen dürfen. Otto Laubinger, geboren 1928, wurde zusammen mit vielen Mitgliedern seiner Familie im Mai 1940 von der Neumünsteraner Ordnungspolizei im Lokal „Captain Cook“ (das früher „Perle“ hieß) zusammengetrieben und anschließend nach Hamburg in den Fruchtschuppen am Hafen gebracht. Von dort ging es über Hannover und Warschau in das spätere Vernichtungslager Bełżec. Das bedeutete den Anfang einer 5-jährigen KZ-Zeit, den viele seiner Verwandten nicht überlebten. Otto ist heute 89, lebt immer noch in Neumünster und ich treffe ihn hin und wieder, wenn er Brötchen holen geht. Jedes Mal schaut er mich fest aus seinen verschmitzten, fast noch jugendlich wirkenden  Augen an und plaudert mit mir.

Wir boten der KZ Gedenkstätte also das Interview in kompletter Länge an. Dankend nahm man dort an und freute sich auch über den Kontakt zur überaus herzlichen Familie Laubinger. Bereits nach den Sommerferien wird es ein ausführliches Zeitzeugen-Interview zwischen der Gedenkstätte und den Angehörigen geben. So weit, so gut. Der Hintergrund dieser Geschichte erfüllt mich allerdings auch heute noch mit Grauen. Drei Angehörige der Familie Laubinger sind in Bełżec ermordet worden, eine weitere Verwandte in Auschwitz und einer in Dachau. Otto Laubinger wurde durch herumfliegende Splitter am Auge verletzt, wofür er später Versehrtenrente erhielt. Aber damit ist das angetane Leid nicht wieder gut zu machen. Zur verweigerten Wiedergutmachung nach 1945 und zur weiteren Diskriminierung der deutschen Sinti und Roma wird heutzutage oft geschwiegen. Erst spät erhielten die Ausgebürgerten ihre Staatsangehörigkeit zurück. In vielen Ländern Europas sind Sinti und Roma noch immer von Ausgrenzung und Gewalt betroffen.

Nach 1945 wurden sog. „Landfahrerkarteien“ und „Landfahrerzentralen“ angelegt, um die Sinti und Roma weiter systematisch zu beobachten und aufgrund der angelegten Daten zu kontrollieren. Ziemlich sprachlos war ich, als ich erfuhr, dass sie womöglich bis 1985 bei der Hamburger Polizei zum Einsatz kam. In den Karteien trug man einfach ein „ZN“ für „Zigeunername“ ein und setzte die in der NS-Zeit erlittene Diskriminierung damit fort. Ja, ganze „Landfahrer-Genealogien“ wurden angelegt. Ihren Weg in das Staatsarchiv Hamburg haben sie jedoch auf mysteriöse Weise nicht geschafft. 1982 teilte man im Rahmen einer Anfrage mit, dass „eine Zigeunerkartei nicht nach hier gelangt sei“. Die Hamburger Sinti und Roma haben in den 1980er Jahren sehr schlechte Erfahrungen mit dem Staatsarchiv Hamburg machen müssen, das ihnen keinen Zugang zu den Akten gewähren wollte und dann nur mit Auflagen. Heute unterliegen die Akten den Schutzfristen und können im besten Fall erst 30 Jahre nach dem Tod einer Person geöffnet werden.

Wie geht es weiter? Als Nächstes wird am 4. September ein Antrag im Runden Tisch für Toleranz und Demokratie der Stadt Neumünster eingebracht, um die Würdigung der Familie Laubinger im Rahmen der Aktion Stolpersteine endlich einzuleiten, nachdem diese bereits 2014 beschlossen wurde. Dann wird es im ersten Schritt erforderlich sein, innerhalb der Familie nach Material über das Schicksal der ermordeten Angehörigen zu suchen. Das können amtliche Dokumente wie Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden oder Familienbücher, aber auch Ahnenpässe, Tagebuchaufzeichnungen und Briefe sein. Insbesondere die Geburts- und Sterbedaten sind von Wichtigkeit. Angaben zu den Biographien der Opfer wie Schul- und Berufsausbildung, berufliche Tätigkeiten oder ihre jeweiligen Wohnorte wären ebenfalls sehr von Nutzen, um die individuellen Lebenswege nachzuvollziehen. Eine Befragung von Familienangehörigen, denen die Opfer noch persönlich bekannt waren, ergibt möglicherweise ebenfalls wertvolle Hinweise, sowohl für eine Ehrung im Rahmen der Aktion Stolpersteine als auch für eine biographische Würdigung. Ich hoffe sehr, dass das Stadtarchiv die Arbeit übernehmen kann, das Material der Familie Laubinger sowie die Deportationslisten aus dem Staatsarchiv Hamburg auszuwerten und zu systematisieren. In diesem Zusammenhang sind vor allem Hinweise auf Deportationen, Aufenthalte in Konzentrationslagern und die Umstände des jeweiligen Todes von Bedeutung. Vermutlich lassen sich auf diese Weise auch eine Reihe von biographischen Lücken schließen, denn es ist nicht anzunehmen, dass die Unterlagen der Familie Laubinger vollständig sind. Anschließend wird hoffentlich der Antrag an Herrn Gunter Demnig erfolgen, der für die Aktion Stolpersteine verantwortlich ist.

Abschließend muss ich konstatieren, dass Untersuchungen zur Biographie von Opfern des III. Reiches durchaus längere Zeit in Anspruch nehmen können. Als Herr Gerhard Scheurich den Lebensweg von Egon Salomon Minden aufarbeitete, der im Konzentrationslager Auschwitz starb, benötigte er dazu mehrere Jahre, obwohl er auch mit überlebenden Familienangehörigen Kontakt hatte. Man darf keine schnellen Erfolge erwarten, sondern muss notwendigerweise ein hohes Maß an Geduld aufbringen. Allerdings sollten von behördlicher Seite die Steine aus dem Weg geräumt werden, um den Opfern endlich die Anerkennung zu gewähren, die ihnen gebührt.


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