Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus in Berlin

Mahnmal im Simsonweg (Foto: Ingo Schumann)

Anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus luden der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, das RomArchive, das DokuZentrum Sinti und Roma Berlin und die StiftungDenkmal für die ermordeten Juden Europas zu einer Gedenkstunde ein, die am 27. Januar im Simsonweg, zwischen Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor, am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas stattfand.

Die Gedenkstunde fand in Kooperation mit dem neu gestarteten RomArchive statt. Das RomArchive ist das Digitale Archiv der Sinti und Roma, in dem sie ihre Kulturen präsentieren.

Bei der sehr feierlichen und bewegenden Gedenkstunde sprachen Michael Roth, Staatsminister für Europa, Klaus Lederer, Bürgermeister von Berlin und Senator für Kultur und Europa, Matthäus Weiß, stellv. Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Uwe Neumärker, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Isabel Raabe und Franziska Sauerbrey vom RomArchive – Digitales Archiv der Sinti und Roma, sowie Zoni Weisz, Überlebender des Holocausts, der an seine Familie erinnerte, die in Auschwitz-Birkenau und Mittelbau-Dora ermordet wurde.

Im Anschluss folgte die Lesung »Voices of the Victims« von Selbstzeugnissen von Sinti und Roma durch die Schauspieler*innen Fatima Hartmann, Perjan Wirges, Nedjo Osman und Slaviša Marković mit einer Einführung durch Dr. Karola Fings vom NS-Dokumentationszentrum Köln.

Wir hören die beiden Reden von Michael Roth und Klaus Lederer.

Nach den beiden Reden von Lederer und Roth sprachen Matthäus Weiß, den wir hier in SH als Landesvorsitzenden der Sinti und Roma kennen, sowie Zoni Weisz. Als Opfer des Nationalsozialismus ist Zoni Weisz im Niederländischen und im Internationalen Auschwitz-Komitee aktiv und hält vielfältig die Erinnerung an den Holocaust wach.

Da einige der Reden nicht gut aufgezeichnet werden konnten, möchten wir Ausschnitte aus der Rede von Zoni Weisz zitieren:

“Es war ein sinnloser, industriell betriebener Mord an wehrlosen unschuldigen Menschen, ersonnen von fanatischen Nazis, Verbrechen, die dazu in ihren Rassengesetzen eine Legitimation fanden. Und jetzt, fast 74 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs stellt sich mir noch immer die Frage, wie es möglich war, dass so viele unschuldige Menschen ermordet werden konnten. Unmittelbar nach der Machtübernahme im Jahre 1933 wurde der demokratische Rechtsstaat in schnellen Kämpfen zerschlagen, politische Gegner wurden eingesperrt und auch Sinti und Roma wurden ihrerseits in die ersten Konzentrationslager eingeliefert. Der Antisemitismus und Antiziganismus konnten in Nazideutschland doch niemandem entgangen sein! Die Nazis ließen keine Zweifel aufkommen, “weg mit den Zigeunern”, “weg mit den Juden”, die sie beide als Gefahr betrachteten.”

Und Zoni Weisz sagte weiter:

“Sinti und Roma sind nach der Einführung der Nürnberger Rassegesetze im Jahre 1935 ebenso wie die Juden aus rassischen Gründen verfolgt wurden, Juden und Zigeuner werden als fremdrassig definiert und all ihrer Rechte beraubt. Sie wurden vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, sie wurden identifiziert, registriert, isoliert, beraubt, deportiert und schließlich ermordet.

Xenophobie, die Angst vor dem Fremden und den Fremden, gab es zu aller Zeit. Für Sinti und Roma waren Verfolgung und Ausgrenzung nichts Neues. Viele wurden an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Minderheiten sind weltweit in Gefahr, ausgeschlossen zu werden und haben keine Chance auf ein normales Leben. Weltweit wird der Einfluss von rechten und sogar faschistischen Politikern immer größer. Sie missbrauchen Minderheiten und Schwächere zu ihrem politischen Vorteil. Wiederholt sich die Geschichte?

Der 19. Mai 1944 war der Tag, an dem der sog. Zigeunertransport vom Durchgangslager Westerbork in den Niederlanden abfuhr. Der Zufall wollte es, dass dies der einzige Transport von Westerbork war, von dem Filmaufnahmen angefertigt wurden. Es gibt ein Bild von einem Mädchen, das zwischen den Waggons stand. Das Mädchen trug eine Kopfbedeckung, sie schämte sich vermutlich wegen ihres kahl geschorenen Kopfes. Dieses Bild war vor vielen Jahren das Bild der Judenverfolgung, bis ein niederländischer Journalist, Ad Wagenaar, entdeckte, dass es sich bei dem Mädchen nicht um eine Jüdin, sondern um eine Sintezza mit dem Namen Settela Steinbach handelte. Im Gegensatz zu den Juden, die vielfach nach ihrem Eintreffen in den Vernichtungslagern und nach der Selektion sofort vergast wurden, hat man Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau im Familienverband in sog. Zigeunerlagern interniert. Nach dem Aufstand im Zigeunerlager wurden fast alle Männer aus dem Lager ausgesondert und in andere KZ verbracht. Mein Vater, Onkel und andere Familienmitglieder wurden nach Mittelbau Dora transportiert, wo sie in der unterirdischen Waffenindustrie unter erbärmlichsten Umständen arbeiten mussten. Sie sind dort ums Leben gekommen, es war eine “Vernichtung durch Arbeit”. Die Bedingungen im Zigeunerlager waren unvorstellbar. Hunger, Kälte, ansteckende Krankheiten forderten ihren Tribut.

Es ist menschenunwürdig, wie Sinti und Roma insbesondere in vielen osteuropäischen Ländern behandelt werden. Der weitaus größte Teil ist chancenlos, hat keine Arbeit, keine Ausbildung und steht ohne ordentliche medizinische Versorgung da. Diskriminierung, Stigmatisierung, Ausgrenzung sind an der Tagesordnung. Diese Länder sind Mitglied der europäischen Gemeinschaft. Sie bezeichnen sich selbst als kultiviert. Das bedeutet aber, dass man Respekt vor den Menschen haben muss, ungeachtet der Herkunft. Es ist kein Wunder, dass Sinti und Roma seit einigen Jahren auf der Suche nach einem besseren Leben nach Westeuropa kommen, in manchen Ländern Westeuropas werden sie dann wieder erneut diskriminiert und ausgegrenzt.”

Und noch kurz zur Ergänzung: Das RomArchive, das digitale Archiv der Sinti und Roma, ist unter www.romarchive.eu zu finden. Es macht Künste und Kulturen der Sinti und Roma sichtbar und veranschaulicht ihren Beitrag zur europäischen Kulturgeschichte.

Mauer am Memorial für Sinti und Roma (Foto: Ingo Schumann)


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