Vorerst kein Denkmal für ermordete Roma und Sinti in Neumünster

Bild: KZ-Gedenkstätte in Bełżec, Polen

Am 13. Februar 2018 tagte die Ratsversammlung in Neumünster. Neben so wichtigen Punkten wie einem Tierheim in Wasbek, das die Stadt 67.000 € im Jahr kostet, ging es auch um Erinnerungskultur. Der Runde Tisch für Toleranz und Demokratie hatte dazu im September 2017 eine Vorlage erarbeitet, die nun behandelt werden sollte. Wir dokumentieren hier die Geschehnisse in der Ratsversammlung.

Bernd Delfs (SPD) eröffnet den Tagesordnungspunkt 11.6 Gedenkstätte für ermordete Roma und Sinti, in dem es heißt:

„Die Verwaltung wird gebeten, Vorschläge für eine Gedenktafel / -stein für die unter nationalsozialistischer Terrorherrschaft ermordeten Sinti und Roma zu erarbeiten. Diese sind dann — unter Hinzuziehung der Fachausschüsse — mit dem Runden Tisch für Toleranz und Demokratie zu diskutieren und ggf. umzusetzen.“

Bernd Delfs (SPD):

Die faschistische Herrschaft der Nazis ist jetzt 85 Jahre her. An diese schreckliche Zeit müsse man sich immer wieder erinnern, so Delfs. Dafür stehen Namen wie Auschwitz, Bergenbelsen, Neuengamme oder Springhirsch und viele andere. Betroffene waren Menschen aus unserer Nachbarschaft, Arbeitskollegen, Schul- und Spielfreunde. Erinnerungen an sie müsse man wachhalten, deshalb müsse man den Opfern einen Namen geben.

Dann wird Herr Delfs von der Stadtpräsidentin unterbrochen, weil offensichtlich auf der Tribüne einige Handyfotos gemacht werden.

Herr Delfs sagt richtigerweise, dass bis auf offiziellen Gedenktage wenig an den Gedenkstätten passiere.

Er sagt zum Beispiel „Menschen gehen da nicht hin“. Und doch hat er festgestellt, dass die „Stolpersteine geputzt werden“. Erinnert sei hier an die Aktion am 9. November letzten Jahres, die ein Bündnis aus IG Metall, VVN, Tolzi, der AJZ und der Antifaschistischen Aktion auf die Beine stellte.

Und das sollten wir den Roma und Sinti auch eröffnen: Wir brauchen keinen dritten pauschalen Gedenkstein, sondern wir brauchen aktive Erinnerung.

Herr Delfs meint, dass einige Gruppen noch nicht berücksichtigt wurden, er hat das lange in der Fraktion diskutiert. Beispielsweise sind die Opfer der Euthanasie noch nicht berücksichtigt. Der Runder Tisch solle sich auch dieser Gruppe annehmen, damit wir daran denken.

Wenn es um die Greueltaten der Nazis geht, gibt es für Delfs nur eine Losung: Er verweist auf ein Fußballspiel des FC St. Pauli, bei dem ein riesiges Banner „Kein Vergessen, kein Vergeben!“ gezeigt wurde.

Bild: Hildegard Mirosch ist vermutlich eines der jüngsten Opfer der Deportation 1940

Reinhard Ruge (FDP):

Die FDP spricht sich nachdrücklich gegen die Errichtung einer eigenen Gedenkstätte für eine bestimmte von den Nationalsozialisten ermordete Volksgruppe aus. Sie tun das, weil sie finden, dass es ausgesprochen unpassend wäre, die durch den Naziterror umgekommenen Menschen schon gedanklich voneinander zu trennen.

Ruge: „Wollen wir ernsthaft im nächsten Jahr diskutieren, ob es nicht auch Gedenkstätten für ermordete Homosexuelle, für Oppositionelle, für Menschen mit geistiger Behinderung geben soll? Wollen wir das ernsthaft tun?“

„Sie alle haben das gleiche Schicksal erlitten“ – Nein, sie haben nicht alle das gleiche Schicksal erlitten. So wie jeder Mensch verschieden ist, hat auch jeder ein anderes Schicksal erlitten, und jedes ist es wert, dass man ihm gedenkt.

Die FDP fordert „die Beauftragung der Verwaltung mit der Ausarbeitung eines würdigen Denkmals und Standortes, an einem für die Büger Neumünsters präsenten Ort, einer Gedenkstätte, die alle Opfer umfasst, unabhängig ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer Sexualität, ihrer Hautfarbe oder weswegen auch immer sie unter dem Regime zu Tode gekommen sind“.

Mark Proch (NPD) betont unterdessen, dass er durchaus in der Lage ist, die Gedankengänge nachzuvollziehen. Aber das will ihm doch keiner absprechen, oder doch?

Er echauffiert sich, dass dieser Antrag ausgerechnet am 13. Februar gestellt wird. Und das reicht dann auch mit der Berichterstattung zur NPD.

Bild: Bora-Maria Kaikoni hat den Holocaust überlebt, sie wurde 1940 aus Neumünster nach Bełżec deportiert

Franka Dannheiser (SPD) verweist auf ein allgemeines Denkmal in Renck’s Park.

Jonny Griese (LINKE) ist dankbar, dass der Antrag von der SPD formuliert wurde. Es läuft ihm bei dem Thema kalt den Rücken runter. Griese findet, dass auch die Enkel der Sinti immer noch stigmatisiert werden. Er betont, dass sich nicht nur Sozialdemokraten zum Gedenken in Renck’s Park einfinden.

Refik Mor (LKR) trägt inhaltlich nichts Neues zum TOP bei.

Ralf Ketelhut (Grüne):

Was in den Jahren passiert ist, sei nicht zu entschuldigen. Aber es gäbe einen Unterschied zwischen „sich für etwas entschuldigen“ und „um Entschuldigung bitten“. Die Opfer sollen ein Mitsprachrecht haben. Ketelhut findet die Stolpersteine positiv, er „stolpere gern über jeden Meter in Neumünster“.

Die Grünen sind gegen eine „Opfer-Flatrate“, das Schicksal der Opfer sei individuell. Jeder Einzelne habe das Recht auf Erinnerung. Jeder habe Recht Einfluss nehmen, wie erinnert wird. Mitsprache! Die Grünen sagen „Ja“ zu Bernd Delfs, „Nein“ zur FDP.

Reinhard Ruge (FDP):

Möchte zunächst eine Sache klarstellen: Es sei der Eindruck entstanden, die FDP möchte eine weitere Gedenkstätte zu den vorhandenen dazu haben. Es gehe ihm nicht um eine weitere. „Um Gottes Willen“ „Bloß das nicht“ „Wie kann man auf die Idee kommen?“

Volker Andresen (SPD):

Nach der Debatte zieht Volker Andresen den Antrag zurück, mit der Bitte, dass SPD- und FDP-Antrag an den Runden Tisch zurückgegeben werden. Andresen erwartet bis zur nächsten Ratsversammlung eine Stellungnahme des Runden Tisches.

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