Regionalgeschichtlicher Workshop – Der Hannoversche Bahnhof

Detlef Korte, ehemaliger Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Quelle: privat

Im Lohsepark in der Hamburger HafenCity gelegen entsteht bis 2022 das Dokumentationszentrum „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“. Kern des geplanten Informations- und Lernorts wird eine Dauerausstellung sein, die das Schicksal von mehr als 8.000 deportierten Jüdinnen und Juden sowie Sintize und Sinti und Romnja und Roma aus Hamburg und Norddeutschland in die Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung einbettet. Zudem wird das Schicksal jener ca. 1000 Menschen vorgestellt, die in das „Bewährungsbataillon 999“ der Wehrmacht gezwungen wurden. Ebenso wie die Wege der Verfolgten sollen die Handlungsspielräume in der umgebenden Mehrheitsgesellschaft gezeigt werden. In vielfältiger Weise soll zudem die Geschichte und Nachgeschichte der Verfolgung und Deportationen mit Gegenwarts- und Zukunftsperspektiven verknüpft werden.

Am 22. November fand in der HafenCity Universität (HCU) Hamburg ein eintägiger Workshop statt, der die wissenschaftliche Arbeit ausgewiesener Expertinnen und Experten aus Hamburg und Norddeutschland und der Kuratorinnen und Kuratoren zusammenführte und damit die Grundlage bietet, sie in einen größeren Kontext zu stellen. Die Beiträge der Veranstaltung beleuchteten Aspekte der historischen Ereignisse und ihrer Vor- und Nachgeschichte. Ich war für die Spurensuche Neumünster dort und habe mich über die Forschung informiert.

Ich konnte den Vortrag „Verschleppt über den Hannoverschen Bahnhof: Die Deportation von Jüdinnen und Juden aus Norddeutschland“ von Kristina Vagt aufzeichnen.

Einen weiteren interessanten Vortrag hielt der Historiker Stefan Wilbricht, der über Täterschaft und Profiteure und Profiteurinnen im Nationalsozialismus forscht und sich besonders mit der sog. „Vermögensverwertungstabelle“ beschäftigt. Über die Versteigerung jüdischen Eigentums gibt es bisher wenige Quellen und über die Versteigerung von Eigentum von Sinti und Roma fast gar nichts. Wilbricht sagt, dass es in Hamburg zwischen 1945 und 1995 an die 3500 Ermittlungsverfahren zu Tätern gab, es aber nur zu 200 Anklagen kam.

Anders sieht es bei der Erinnerung aus: Ingo Wille von der Initiative „Stolpersteine Hamburg“ betonte, dass die biographische Spurensuche „Stolpersteine Hamburg“ bisher 4000 Biographien erstellt hat und es inzwischen circa. 5000 Stolpersteine in Hamburg gibt.

Hamburg-HafenCity: “Gedenkort Hannoverscher Bahnhof” im Lohsepark

Moritz Terfloth vom Landesverein Sinti und Roma in HH wies darauf hin, dass die Erinnerungskultur ein „seelisch vermintes Terrain“ sei. Es gäbe zwar keine grundsätzliche Anti-Haltung zu Stolpersteinen bei den Sinti und Roma, allerdings eine tiefsitzende seelische Zerstörung, die durch Verfolgung und Diskriminierung bis in die Gegenwart entstanden ist. So wollen 68% der Deutschen keine Sinti und Roma als Nachbarn haben. Moritz Terfloth bedauerte es, dass die Chancen für die sog. Oral History, also die Überlieferungen durch Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, vertan sind. In den 80er Jahren führte Micha Brumlik zwar Interviews, aber sie gelten heutzutage als verschollen. Interessant auch ein politischer Aspekt, auf den er hinweist: Die erste Anfrage der AfD in der Hamburger Bürgerschaft betraf die Zugehörigkeit von Schulkindern in Hamburg zur Volksgruppe der Sinti und Roma.

Sebastian Lotto-Kusche, Historiker aus Flensburg, mahnte, dass wir nicht „die Denke der Täter übernehmen sollten“. Die Deportationen waren zwar in den Quellen militärisch begründet, doch waren es allesamt rassisch motivierte Verfolgungen, an denen sich lokale Beamte aktiv beteiligten.

Oliver von Wrochem, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Quelle: privat

Das Fazit zu dieser Veranstaltung wurde einhellig so gefasst, dass wir „auf organisatorischer Ebene immer noch sehr wenig wissen über die Verfolgung in der NS-Zeit“, es zum Hannoverschen Bahnhof allgemein wenige Berichte und Fotos von Zuschauern gab und vieles noch unerforscht ist. Warum das so ist, dafür gibt es mehrere Gründe: zu geringe finanzielle Ausstattung, „Mauern“ bei Organisationen, die sich damals bereicherten, z.B. der Reichsbahn, heute Deutsche Bahn.

Zwei Buchtipps ergeben sich aus dem Workshop:

  • Ursula Suhling: „Wir waren die 999er“. Dies ist ein Buch über 700 Soldaten des Strafbataillons 999 der Wehrmacht, die die hohen Kriegsverluste im Zweiten Weltkrieg ausgleichen sollten, also das sog. Kanonenfutter waren.
  • Hans Burkhardt (und andere): „Die mit dem blauen Schein. Über den antifaschistischen Widerstand in den 999er Formationen der faschistischen deutschen Wehrmacht (1942 bis 1945)“.

Hinweisen möchte ich auch auf die von René Senenko betriebene Website www.feindbeguenstigung.de des Bündnis Hamburger Deserteursdenkmal, die an die Opfer der NS-Militärjustiz erinnert, und auf das umfangreiche Archiv der VVN/BdA in Hamburg, das von Jakob Michelsen betreut wird.


Hier geht es zur Langversion des Vortrags:


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