Zeitreise: Wir erinnern heute an Wilhelm Thormann genannt „Sperling“ aus Neumünster

Wanderausstellung des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, zu sehen im Landeshaus im September 2019

Wilhelm Thormann wurde vor 125 Jahren, am 7. Oktober 1895 in Wegeleben geboren. Wegeleben ist eine 2000-Einwohner-Stadt im Vorharz, der in Sachsen-Anhalt liegt. Glaubt man Wikipedia, ist die einzige Gedenkstätte Wegelebens ein sowjetischer Ehrenfriedhof mit den Grabstätten von 29 Kriegsgefangenen sowie Männern und Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland verschleppt und Opfer von Zwangsarbeit wurden.

Ab August 1937 lebte Thormann in der Flensburger Straße 4d in Neumünster-Faldera. Er war Arbeiter auf dem Flugplatz Neumünster. Vorher arbeitete er in der Stadtgärtnerei im Nachtredder.

Die Forschung im Landesarchiv Schleswig ergab, dass der unbescholtene Bürger Wilhelm Thormann, der gerne musizierte, am 3. Februar 1941 im Konzentrationslager Dachau starb, ob an den Folgen seiner langen Haft, ist unbekannt. 1939 wurde der Katholik, der die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, von der Gestapo Neumünster verhaftet. Er wurde aus rassischen Gründen verfolgt. Wie es dazu kam, verrät die Akte 761 des Sozialministeriums Nr. 27416 im Landesarchiv Schleswig.

Im Frühjahr 1939 verhaftete die Staatspolizei den Tiefbauarbeiter Heinrich Stork, seine Ehefrau Gertrud, den Postboten Otto Goldbaum, seine Ehefrau Amanda und den Putzer Hans Peter. Die Staatspolizei warf Stork vor, kommunistische Sendungen ausländischer Rundfunkstationen mit dem Zweck abzuhören, andere Personen kommunistisch zu schulen. Der Vorwurf an das Ehepaar Stork, das Ehepaar Goldbaum und Hans Peter lautete, sie „hätten sich fortlaufend an den im kommunistischen Sinne geführten Unterhaltungen mit Stork beteiligt“. Die NS-Justiz bereitete dafür am 14. Juni 1939 ein Urteil am OLG Hamburg vor, dass auf „Vorbereitung des Hochverrats“ lautete und zu Freiheitstrafen für die Angeklagten führte. Unter den selben Vorwürfen nahm die Gestapo Neumünster am 2. Januar 1939 Wilhelm Thormann und am 30. Januar 1939 den Zeugen Heinrich Peters fest. Wie sich herausstellte, hatten Thormann und Peters jedoch keine kommunistischen Sender abgehört und wurden Anfang Mai 1939 wieder freigelassen.

Am 30. November 1939 nahm die Gestapo Thormann jedoch unter fadenscheiniger Begründung erneut fest. Nach dreimonatiger Polizeihaft verbrachte man ihn in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Von dort wurde er in das Konzentrationslager Dachau überstellt, wo sein Tod am 3. Februar 1941 dokumentiert wurde (St. Register 537/41).

Wilhelm Thormann hatte 5 Kinder: Arno (genannt Süttlitz), geboren in Wismar, Erna (genannt Maria), geboren in Frisoythe, Helmut (genannt Ischi), geboren in Altona, Jonny, geboren in Hamburg und Fredi, geboren in Neumünster.

Seine Frau Hulda wurde im Rahmen der Festnahmeaktion vom 16. Mai 1940 mit ihren Kindern verhaftet. 1955 sagte Hulda Winterstein, verwitwete Thormann, geborene Laubinger, Folgendes vor dem Amtsgericht Neumünster aus:

„Am 16. Mai 1940 wurde meine Mutter (gemeint ist Maria Weiß) als Zigeunerin verhaftet und ich selbst ebenfalls. Mein verstorbener Mann war schon im Jahre 1939 weggebracht worden. Wir wurden dann zusammen nach Polen gebracht, und zwar nach Belzec, an der russisch-polnischen Grenze. Wir wurden dort zu allen Arbeiten, die vorkamen, eingesetzt (Landwirtschaft und Tiefbau an Gebäuden). Meine Mutter mußte die Wohnung (in Neumünster) so verlassen wie sie war. Ich glaube, sie konnte nur ein Federbett mitnehmen. Die Wohnung wurde dann noch in unserer Gegenwart versiegelt und wir wurden abtransportiert. Im Jahre 1944 kamen wir dann wieder nach Neumünster zurück.“

Mehrere Zeugen belegen ihre Anwesenheit in den Lagern, beispielsweise Isenhard Laubinger, der Bruder von Frau Thormann. Er sagt am 5. Dezember 1960 Folgendes aus:

„Ich bin am 16. Mai 1940 nach Polen gekommen. Mit mir zusammen waren meine Angehörigen, darunter meine Mutter Maria Weiß sowie auch meine Schwester, die damalige Frau Thormann mit ihren Kindern. Wir kamen alle zusammen nach Belzec, wo wir etwa 7 Monate waren. Von Belzec kamen wir in das Lager Krychow. Am 20. Februar 1942 wurde ich von den Angehörigen getrennt und kam nach Warschau, später nach Lodz, nach Breslau/Klettendorf, dann nach Kreditz. Solange ich mit meiner Schwester und meinen anderen Angehörigen zusammen war, befanden wir uns in Lagern. Es kann keine Rede davon sein, daß wir uns jemals in Freiheit befunden hätten. Ich selbst war übrigens auch späterhin bis Kriegsende immer in Lägern. Frau Winterstein habe ich erst am 9. Mai 1945 in Erfurt wiedergetroffen.“

Hulda Winterstein versicherte 1950 an Eides statt, dass sie mit ganzer Familie am 16.5.1940 wegen Rasse politisch nach dem KZ Belzec in Polen gebracht wurde. 1944 sei sie in der Nähe von Lublin von den Russen befreit worden und sei 1945 zurück nach Deutschland gekommen.

In einem Verfahren des Landesentschädigungsamtes Schleswig-Holstein Ende der 50er Jahre ging es darum, wann die Familie nach Schleswig-Holstein zurückkehrte. Die irrwitzige Voraussetzung für ein zulässiges Verfahren war damals für die Opfer des NS-Regimes, dass sie nachweisen mussten, dass ihnen mindestens 3 Jahre die Freiheit entzogen war und dass sie zu dieser Zeit die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen.

Wie tief der Antiziganismus der Behörden gegenüber den Rückkehrern aus den Lagern war, macht das Beispiel der Staatsangehörigkeitsfrage deutlich.

Noch 1968 musste der Innenminister des Landes der Stadt Neumünster empfehlen, dass sie einen Staatsangehörigkeitsausweis für Wilhelm Thormann ausstellt, denn ein früherer Vermerk, der auf „preußisch (deutsch)“ lautete, müsse doch als Indiz dafür angesehen werden, dass Thormann die deutsche Staatsangehörigkeit besaß.

Hulda Winterstein verwitwete Thormann kehrte also 1945 nach Neumünster zurück. An den Ort, wo ihr Mann Wilhelm unrechtmäßig verhaftet wurde, wo ihre Wohnungseinrichtung im Wert von 1500 Reichsmark bei der Festnahmeaktion vom 16. Mai verloren ging, von wo aus sie von Neumünsteraner Polizisten in den Osten abgeschoben wurde, wo die große Soforthilfe nach dem Krieg abgelehnt wurde, weil man ihnen nicht glaubte, dass sie erst nach dem Krieg nach Neumünster zurückkamen.

Ihre Kinder Arno und Erna wurden von den Nazis ermordet. Arno starb 1944 in Warschau (Sonderstandesamt Arolsen I/992). Er wurde gerade einmal 21 Jahre alt. Erna verstarb 1943 im Konzentrationslager Majdanek (Standesamt Arolsen I/59-993) im Alter von 23 Jahren. Hulda selbst wird nur 59 Jahre alt und stirbt 1959, ohne den Fortgang der gerichtlichen Auseinandersetzungen um Entschädigungen mitverfolgen zu können. Aus den Gerichtsakten geht die Vermutung hervor, dass ihr die deutsche Staatsbürgerschaft im Jahr 1938 vom Oberpräsidenten Schleswig-Holsteins aberkannt wurde.

Ort der historischen Deportation vom 16. Mai 1940: Haart 38 (Quelle: Stadt Neumünster)

Weil der Haart 38 in Neumünster als zentrales Sammellager bei der Deportation am 16. Mai 1940 diente, soll laut Beschluss der Ratsversammlung eine Gedenktafel dort aufgestellt werden. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde diese Veranstaltung vor kurzem auf nächstes Jahr verschoben.

 

Quellen:
LASH Abt. 761 Nr. 27134, Nr. 27146


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