Kein Fame für Famous – Zusammenfassung vor den Protesten am 19.10.2019

v.l.n.r.: Ibrahim Ortacer (Pressesprecher) & Tufan Kıroğlu (Vorstand), Türkische Gemeinde Neumünster (Foto: S. Tenner)

Im Mai 2018 eröffnete das Tattoo-Studio „Famous“ in der Holstenstraße in Neumünster, das von Matthias Stutz und Jürgen Simon Hilgendorf betrieben wurde. Der bekannte Rechtsextremist Peter Borchert begleitete diese Eröffnung und das neue Geschäft. Er kleidete sich in offiziellem Werbe-Outfit des Unternehmens, war im Laden anzutreffen, stand dort hinter dem Tresen, betreute die Facebook-Seite aktiv und ging sogar ans Telefon. Schon damals gab es Irritationen bezüglich der Mieter, denn zur Kundschaft gehörten offensichtlich viele Rocker. Einige Mieter zogen weg, ein angrenzendes Restaurant stellte seinen Betrieb auf reines Catering um. Dem Radio vorliegende Zeugenaussagen und E-Mails belegen, dass sich AnwohnerInnen bedroht sahen. Nachbarn hatten sich über die Lautstärke beschwert – ein paar Tage später standen Kuttenträger vor der Tür und haben klar gemacht, dass so ein Verhalten nicht erwünscht ist und sich die Betroffenen lieber eine andere Wohnung suchen.

Am 15. Juni zog das „Famous“ dann in die Holstengalerie um. Diese Shopping Mall direkt am Bahnhof liegt noch zentraler als die Holstenstraße. Sie wird auch von vielen jungen Leuten besucht, zum Beispiel von Schülern und Schülerinnen in der Mittagspause. Was mit dem Umzug von „Famous“ bezweckt wurde, scheint klar: Sie wollten ihren Kundenkreis durch diesen Schritt erheblich vergrößern. Als Motivation dürfte die Steigerung des Umsatzes zentral sein. In der Holstenstraße soll die Polizei öfter Präsenz gezeigt haben, um die Lage im Auge zu behalten. Im Juni erkundigte sich das Freie Radio beim Landeskriminalamt über den Tattoo-Laden. Dort wurde uns mitgeteilt, dass „im Rahmen der Nulltoleranzstrategie die Ermittlungsbehörden im vorliegenden Phänomenbereich naturgemäß auch diese Betätigungsfelder im Blick haben“.

Das Freie Radio hatte sich auch bei der Center Managerin des ECE-Projektmanagement der Holsten-Galerie Neumünster über die Situation erkundigt und dazu am 18. Juni 2019 mit ihr ein Interview geführt. Bis zum 31. Juli 2019 war das Interview mit Mailin Huljus auch in unserer Audiothek nachhörbar. In ihrer Funktion hat sie allerdings die Veröffentlichung in unserer Audiothek untersagt und die Löschung von unserer Internetseite bis Ende Juli verlangt. Eine Begründung nannte sie nicht. Wir sind ihrer Forderung nach Löschung fristgerecht nachgekommen, werden aber nicht damit aufhören, über das Tattoo-Studio zu berichten.

Wie das neu gegründete AFA-Netzwerk Neumünster jetzt in einer Recherche herausfand, versucht Peter Borchert, die Bandidos in Neumünster neu in Stellung zu bringen. Mit den „Contras MC Neumünster“, den „North Skulls“, dem „Holsten MC“ aus Langwedel, den „Halvards MC“ aus Heide sowie den „Mexicanos“ aus Kiel gibt es verschiedene Unterstützergruppen in Neumünster und im Umland. Neumitglieder ködere Borchert mit der Aussicht auf eine Vollmitgliedschaft, die Anerkennung und einen Aufstieg in der clubinternen Hierarchie bedeutet. Dafür werden auch die alten Stiefelnazis rekrutiert, die in den 1990ern in Wasbek und Aukrug für Furore sorgten und Stammgäste des rechtsextremen „Club 88“ waren, so eine Aussage der Antifaschistischen Aktion, die die Kampagne maßgeblich initiiert hat.

Noch haben wir von den neuen Bandidos Neumünster keine massive Anwendung von Gewalt gesehen. Lediglich Einschüchterungsversuche hat es bereits gegeben. In kriminellen Milieus wie den Bandidos gibt es eine Reihe von Mechanismen zur Gewaltvermeidung und gewaltfreien Konfliktschlichtung. Einer dieser Mechanismen ist die Bildung von Straftätervereinigungen. Dabei handelt es sich um kriminelle Strukturen, die in erster Linie soziale Funktionen erfüllen. Sie sind unter anderem durch ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Mitglieder und die Verpflichtung zu gegenseitiger Hilfe und Rücksichtnahme gekennzeichnet. Die Mitglieder sehen sich als Familie an.

Am 8. Oktober veröffentlichte die Famous-Familie ein Video-Statement im Namen der drei Läden Famous Tattoo Lifetyle Store, Notorious Ink und The Edge Lifestyle Bar, um ihren Standpunkt zu vertreten, dass sie „weder politisch noch sonst irgendwie motiviert seien“ und keinen „extremen und nicht extremen Sachen“ in ihrem Privatleben nachgehen. Auf die Vorwürfe der Kampagne des AFA-Netzwerks wird gar nicht eingegangen.
Im Video sind viele Leute im Hintergrund zu sehen, die von den Inhabern als Freunde und Unterstützer des Tattoo-Shops bezeichnet werden. Ganz außen rechts sitzt ein Vertreter des Bandidos MC Spain, Hamid N. Hamid ist redaktionell verantwortlich für die Website des Bandidos MC Spain und wird dort im Impressum genannt.

Auf Anfrage des Freien Radios wollte sich Hamid N. nicht dazu äußern, ob er die Person im Video ist.

Wie weit das Privat- und das Geschäftsleben ineinandergreifen, kann man an diesem Beispiel deutlich sehen. An Hamids Seite sitzt Simon Hilgendorf, Ex-Inhaber aus der Holstentraße. Er ist nicht mehr offizieller Ansprechpartner des „Famous“, weil er laut Recherche des AFA-Netzwerks „Prospect“, also Anwärter, der Bandidos geworden ist.

Wie stellt sich die organisierte Kriminalität nun bei der Bandidos-Bewegung dar? Die Bandidos bestehen nicht als einheitlicher Verein, sondern verfügen über zahlreiche sogenannte „Chapter“ weltweit. In Europa nimmt das National Chapter, in Deutschland das Chapter „Bandidos MC Germany“ eine übergeordnete Funktion wahr. Die darunter befindlichen einzelnen Chapter sind auf bestimmte Territorien bezogene, organisatorisch selbstständige Clubs, die ihrerseits über Supporter-Clubs, z.B. den „MC Chicanos“ oder den „MC Contras“ verfügen, die es wie dargelegt auch hier in Neumünster gibt.

Im Urteil vom 21. April 2010 wurde der Verein „Bandidos MC Probationary Chapter Neumünster“ verboten, weil er den Strafgesetzen zuwiderlaufe und sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung richte. Damit war den Bandidos jede Tätigkeit und die Bildung von Ersatzorganisationen untersagt; ebenso durften ihre Kennzeichen weder verbreitet noch öffentlich oder in einer Versammlung verwendet werden. In der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts für das Land Schleswig-Holstein vom 13. November 2012 wurde dieses Urteil insoweit aufgehoben, als darin festgestellt wurde, dass der Verein „Bandidos MC Probationary Chapter Neumünster“ sich nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung richte. Das durch die Strafgesetzwidrigkeit getragene Vereinsverbot blieb jedoch bestehen.
Die eigentliche Zweckbestimmung der Bandidos Neumünster sei nicht vorrangig das gemeinsame Motorradfahren oder die gemeinsame Teilnahme an Veranstaltungen, sondern eine Gebiets- und Machtentfaltung auf dem kriminellen Sektor gegenüber der verfeindeten Organisation der Hells Angels und ihrer Unterstützer-Vereinigungen in Schleswig-Holstein gewesen. Die Straftaten stünden in einem inneren und teilweise äußeren Zusammenhang mit den tatsächlichen strafgesetzwidrigen Zielen und Zwecken des Vereins. Sie seien mit Wissen und Billigung der verantwortlichen Funktionsträger des Vereins begangen worden. Die Dichte der strafrechtlichen Verfehlungen mit Vereinsbezug und der Massivität der Geschehen war offensichtlich so gravierend, dass ein Fortbestehen der Vereinigung „Gefahr für Leib und Leben Dritter“ bedeutet hätte.

Wir sind gespannt, ob wir mit unserer Recherche „Äpfel und Birnen“ vergleichen und wie die Gesamtsituation nun in den kommenden Tagen von ECE eingeschätzt wird.

Banner der Kampagne “Kein Fame für Famous”

Tufan Kıroğlu von der Türkischen Gemeinde Neumünster schätzt die Situation ganz klar ein. Die türkische Gemeinde hat heute ein Statement veröffentlicht und unterstützt die Kampagne „Kein Fame für Famous“. Sie kritisieren, dass sich mit dem Tattoo-Laden in bester Lage rechtsradikale Strukturen in der Innenstadt und damit in der Öffentlichkeit etablieren.

Und noch einmal der Termin: Der Protest startet am 19. Oktober 2019 auf dem Gänsemarkt um 15 Uhr.


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